Abend

by s

Still betrachte ich die schwärzlichen Wälder des Abends im Horizont und versuche, ihre Geheimnisse, die sie am Tag gewannen und in die Nacht verlegen, herauszufinden. Wie das schwache Abendlicht gelblich und bläulich hinter ihren schartigen Kronen schimmert und sich durch die dicht säuselnden Blätter zu drängeln versucht - Bilder des Abends im müden Lande.
Diese Farben erinnern mich an die Welt der Kindheit, wie ein ausgewachsenes Kind sie durch seine Augen sieht: unscharf, vermischt, verblassend. Überall Geheimnisse und zu wenig Zeit und doch hatte man damals angeblich alle Zeit der Welt, sie zu entdecken. Allerdings weiß ich nicht, ob ich dieses Schauspiel traurig finden soll. Wenngleich die kühlen Farben diesen Schein zu geben vermögen. Nicht weniger der Anblick ist traurig, sondern die verlorene Zeit, die ich zwischen den Bäumen zwar wiedererkenne, aber aus der Ferne nie mehr greifen werde. Ich denke, die Leute können nur weitermachen, wenn sie nicht daran erinnern, was sie verloren haben. Diejenigen, die verdammt wurden, sich Tag und Nacht damit zu befassen und an Erinnerung zu sterben, bleibt nichts übrig außer das Verlorensein darin. Der Abend ist ein besonders heikler Moment, denn hier trifft das Vergangene auf Elemente, die beruhigen sollen, etwa kühle Luft und kaltes Licht, und somit wird der Abend in dieser Zwiespalt entweder jenen beruhigen oder ihn an diese Schwelle befördern, wo der Abend jenseits als Fremder der Offenbarung schlummert.
Also junge Freunde, Kinder des Abends, spürt denn hier keiner diese schwere Decke auf euch? Auch ihr seid alle unter ihr gekehrt. Es ist wie bei einem Raucher - raucht er lang genug, kann er ohne diesen gewissen Widerstand im Halse, der mit jedem Zug immer gleichmäßig unscheinbar aber unabdingbar bleibt, nicht mehr atmen. Auch so brauche ich diesen Widerstand auf mir, der sich im Abendlicht anheischig macht, am stärksten zu drücken. Und selbst das Licht der Abendstunde scheint nicht von dieser Welt, ja diese Letzte Stunde ist nur für einen gewissen Moment da und einzigartig, keiner soll sie beachten, wenn man ermüdet vom Tag die Wände verschanzt anstarrt. Und sie ist weder zu dunkel noch zu hell, weder zu gelb noch zu blau. Wer nicht bereit ist, hineinzublicken, der soll für immer im Ungewissen verloren bleiben.