Ab Ovo - In Sartaginem

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Die Lahmlegung des Menschen. Je schneller die schier endlosen Impulse auf ihn prallen, desto langsamer reagiert er. Als Meister der Koketterie und mangelnder Selbstkritik trotz üppiger Selbstbeobachtung, mehr denn je, fällt ihm seine Blauäugigkeit unter dem schweren Massenteppich nicht auf. Ja, deshalb gehe ich a u f diesen Fußabstreifer lieber im Dunkeln auf der Suche nach der Rue Laguénésie, versonnen, aber im Traume meiner Bewandtnis des ungekannten Dahinlebens klar, als von der Masse vereinnahmt und im speienden Licht verblendet. Wer kann denn die Wahrheit der Nacht beim Lichte des Tages ertragen? Der Friedrich nicht mehr.

Hier bin ich, schwer abgeworfen, wie der billige Koffer eines pazifistischen Bibliophilen, der dem scheinheiligen Lande in Gottes Namen dienen muss. Voller Bücher bin ich, Errungenschaften anderer – und das Wissen der Welt, mehr habe ich nicht. Doch weiß ich eines nicht – den Weltschmerz in mir zu heilen. Oder den Ruf nach einer anderen Welt zu überhören. Fühl‘ sie, die kalten, schweren Füße, den Kallus an den harten Plastikrollen. Sie haben in diesen jungen Jahren scharfkantigsten Basalt überquert. Zerkratzt und aufgeschnitten, die Wunden heilen spärlich. Ich bin ein Schatz, wertlose, verschollene Lepta. Ein Schuldner, der Lebenskonzession versagt. Ein Gläubiger, à fonds perdu Ja, ich fühle mich schwer an diesem blauen Morgen. Wie die giftige Sonne auf meiner nachtblassen Haut. Wie der Kummer im blauen Herzen. Möge es der letzte Morgen sein, was ist schon eine Seele mehr oder weniger im seelenlosen Jammertal? Vor dir die Warnung, Poet. Nach dir die Sintflut, Poet, nach dir die Sintflut.


Sirenenentwarnungsartiger Wind, dann Stille. Vor mir leider nur einer von Schieles vier Bäumen. Die Füße baumelnd auf einem Hügel. Wie ein Koshiskelett, korrodierte Nägel an den Stellen links und rechts des einstigen Pectoralis, von der Windstille unbeschadet, Siliziummangel deutlich sichtbar, von der brachialen Zeit gefressen. Der Wunderschlauch zum Ammoniten gehaspelt. Es ist leicht frisch. Es ist so leicht. Die Nacht ist schon angebrochen, die Berge hinten im Mondlicht grau gescharten. Die meisten Schlünde üben ihre turbierenden Schnarchetüden. Vor allem die mit Mehrfachkinn. Die Gerüche, balkanische Rebfelder, Ameisenscheiße und leichtes Geosmin. Die Geräusche, ein wunderschönes Nichts. Nun ja, da wäre noch das durchgehende Rascheln der Eschenblätter, welche am Ende doch nur ein vertrocknetes Petalum verstoßen hatten und melancholisches Klimpern zwischen den Ohren, Seress‘ Szomorú Vasárnap, das Anthem der Entsager, was so viel wie ein fröhlicher Montag bedeutet. Sterne, gefroren, Standbild. Hölle gefroren, zumindest fröstelts mich. Ich zähle sie, wie auch immer. Eins, zwei, … Premiumfluppe aus der gedellten Verpackung leichthändig routiniert gezückt, sie leger zwischen Zeige- und Fingerfinger gezogen, den Tabak glattgestrichen. Fünf Mal skandiertes Klopfen am Filter, damit der glattgestrichene Tabak gut brennt. Beim sechsten Mal wäre sie zu stark, beim vierten Mal genüsslich genug für den netten Clochard in der 64sten. Feuer an, die geschnorrte Gitanes wärmt mich. Verwegener Prometheus ist mit seinen Urhebern gestorben. Das Feuer lodert noch immer. Alsda beginnt das dumme Räsonieren. Heimweh, Heimweh, ich habe Heimweh. In die dämmrige Ferne? Ins blaue Zimmer. Zurück. Retoure. Der traurige Windhundblick samt dem Rauche gen Lichtschacht hoch. Wie nennt man den blauen Dunst dann, wenn das Zimmer schon blaut? Blau oder farblos? Eintönig? Ich weiß, ja was kommt am Ende, nach dem Trott. Überall wo ich schmerzen muss, habe ich Heimweh. Wohin will ich? Nicht einmal in den Tod. Nicht ins Nicht-Sein. Das sagen sie alle immer. Nicht-Sein. Das postuliert nur wieder Sein, furchtbar, das will ich nicht. Als ob es kümmert, was ich will, alter Egozentriker. Ins Namenlose will ich, ja, ja. Ins Nie-Mehr-Sein. Wenn’s hinter den Bergen nur aufhören würde… 23, 24, … Ins unverkennbare Unerkennbare. Wo ist das? Es ist doch kein Ort, du Dämelchen, sogar die Zeitlichkeit ist eine Verunglimpfung ihrer verräterischen Ununterbrochenheit. Es ist mir bestimmt nicht fremd, dieses Anderswo, habe ich das Gefühl. Du bist schon einmal dort gewesen, bevor man dich mit einem Namen und einer widersprüchlichen Daseinsberechtigung vergönnt und dann geschändet hatte. Heimweh. In die Verantwortungslosigkeit habe ich Heimweh. Ins Unveränderliche. Dort, wo keine widerwärtige menschenverachtende, also menschliche Autochthonie, kein Ursprung und Ausgang herrschen. Reden wir nicht um den kalten Kotzbrei herum: Auslöschung. Mit dem Löschzug ins Aus. Neustart, Neustart… 47, 48, … Aua, Schmerz, Pein, Gefahr? Pulsierende Schmerzen, die eins vier, da ist plötzlich ein Loch. Gebohrt oder durch nächtlichen Bruxismus aufgemahlen? Schlafe nicht, aber träume gerne, vielleicht dadurch? Ein Gesicht windet sich aus ihm und grüßt ganz nett. Sinnloser Schwindel ergreift mich. Sein Mund, verzogen, ernst und geharkt, aber spuckt andere Töne, wie die tiefe Stimme, die man einem weisen Eleaten attribuieren würde, mit schattigen Ringen unter bernsteinfarbigen Augen und mit Ausdruck eines missgünstigen Miesmachers. Ein wenig wie ich. Was ich hier mache, fragt es mich. Nun, was mache ich hier, fragte ich mich? Ich hatte es schon einmal unter meinen Fingernägeln. Nicht den Teufel, diesen Chihuahua an der Leine, der von einem alten Zaunpfahl zurückgehalten wird, etwas viel Niederträchtigeres verlangte ich. Was ist böser als der Teufel? Zwei Dinge sind auf dieser Welt unumgänglich. Der Spalt zwischen zwei Zaunpfählen und der Neid. Die Wahrheit liegt dazwischen. Sind wir als böser als er? Weil wir neidisch sind, niemals wie er zu sein? Oder macht der Neid uns vorher schon teuflisch? Erzürnt über meine Teilnahmslosigkeit, mahnt es mich an. Das Gesicht, das im Kopf die rissigen Zelte aufschlug und sich das ganze Leben am Zahnstein vollfraß, spricht nun deutlich die Sprache der Erlösung. Die anderen wissen nicht, dass diese Sprache, wenn man sie erst erlernt hat, das ist, woran man sterben wird. Und sie ist so leicht zu lernen, wenn man dafür geboren ist. Es sagt mir, es sei vertrieben worden, woraufhin es den Weg zu mir fand ins elende Reich der Hoffnungslosigkeit. Und ich sei selbsternannter Legat, nachdem ich mit ähnlicher Bewandtnis wie Semiramide ihn, der ihr alles schenkte, aber nichts gab, ermordet hatte. Abgespalten vom possierlich keifenden Teufel und auf der Suche nach einem würdigen Nachfolger. Ich sei doch der Erbe des Teufels oder nicht?! Mindestens ebenbürtig. Nein verdammt! Was soll das. Es legt mir die Worte in den Schädel wie Spinneneier. Ich bin nur ein Fél Halott! Nur Fél Halott! Sein Atem kalt, immer kälter; und mir klebt das brennende Pech im Hals, auf der Zunge, aber im Hals hat es angefangen. Nun erfreut es sich an meinen Schattenschweiß. Ich sehe es an der Wand sich aufbrausen. Ich solle tun, was er wolle! Ich soll kein hässlicher Rabulist sein?! Welche Worte wickle ich um? Liebe, Hass? Leben, Tod? Mut und… mir dreht sich der Magen. Das Loch im Zahn, es stinkt. Es besudelt. Es möpselt nach Tod, bald steige ich durch dieses zahnige Loch durch. Es übertüncht langsam mein Herz schwarz, greift nach ihm. Aber ich wurde auserwählt, ja, ja, OH JA! Hör doch auf, bitte. Keckes, ostentatives Lachen. Es ruft seine Mitläufer, allesamt drücken sie sich durch das Loch, ich halte die Schmerzen kaum aus, so sehr würde ich ein Pistolenlauf in das Loch drücken und den Schmerz abkühlen, wenn das nicht hilft, es eben vergrößern, um den Druck zu lösen. Breite Mäuler fletschen die Konsorten, feingeschliffene Zähne. Große leere Augen, aber in der Leere sehe ich Anerkennung. Ich verstehe nun, ich habe verstanden. Ich denke, ich habe die Lösung. Man muss ihnen tief in die Augen sehen, das schaffen nicht viele. Man muss das Hungern und Hecheln stillen und ihnen geben, was sie fordern. Sie alle werden weinen, die Meinen, die so stark am Leben festhängen, doch parturient montes nasectur ridiculus mus. All, alles, ist verbunden. Die Augen starren zu mir. Ich starre zurück, wenn auch verhohlen. Ein unabkömmliches Taubengestarre. Alle Köpfe in einer Kordel verbunden, wie die Blutnesseln im Mutterschoß. HOLOZID heißt, den Strang zu durchtrennen. Dann teilt sich das All auf, in einen Teil, wo Leichtigkeit herrscht und dem anderen Nichts. So war es schon immer, das Schicksal, ein hässlicher, loser Zweiteiler. Das Glück die farblich unpassende Krawatte, vielleicht ein wenig durchfalllohfarbig. Der Tod Gourmand und der Lebende Gouteur. Dyade, Zweiheit, Paar, Dichotomie. Was sich hasst, kann nicht ohneeinander und m u s s sich lieben?


POEM
Fauler Treibsand, die Traurigkeit, wie sie dir das Auge fleischt, die Last im Saum des Abendkleids – wie Tauben, verstohlen starren sie dich an. Sie fragen dich, wo er nun bleibt, der Prinz von tiefer Obrigkeit, degoutiert und abgefeimt, war er schon längst verbannt. In blindgespielter Einmütigkeit, in erzwungener Zweisamkeit, von Verantwortung bist du befreit, warfst dich aus der krummen Bahn. Und wenn das Leben dich deshalb vergisst, gewiss, der Tod vergisst dich nie, Fresse ihn, bevor er dich frisst, MORTEM-ODIUM-EKTOMIE

Sans rime ni raison. Der Vergängliche fordert die Ewigkeit heraus, weil es die Unmöglichkeit erlaubt und sein rotes Ziel den Hochmut verbrämt.