Eine einsame Wolke wagte sich durch den weiten Himmel im klaren Mondschein.
„Vielleicht sollten wir Lehrer werden.“
K. runzelte kurz die Stirn, sein Mund spannte aber ein vergnügtes Lächeln.
„Ja? Was, wenn wir auf Schüler unseresgleichen stoßen?“
A. entgegnete ohne weitere Überlegung:
„Dann wissen wir es besser, nicht? Wildes Tier will nicht gezähmt werden, oder?“
Er pfiff ein wenig „Dream a Little Dream of Me“ in die kühle Nacht. Sie spielten zusammen Solitär.
„Außerdem: Was sollen wir denn sonst werden in diesem sterbenden Land?“
Mit ihrem Hungerlohn, den sie sich einen halben Sommer lang bei der Post erarbeitet hatten, verbrachten die zwei Freunde die restlichen Ferien in einer kleinen Hütte am Meer. Das Feriendorf unweit des Strands war über die Jahre zum Lieblingszufluchtsort junger Leute geworden, die sich mit feinstem Sand und klarstem Wasser fernab für alles belohnen wollten, was der Alltag ih nen abverlangte und dort vielleicht lernen würden zu vergessen. Wegen ihrer Nachfrage entstanden schließlich sogar eigens eingerichtete Buslinien, die sich durch die Berge Albaniens wanden. Auch gestern waren die beiden nach ihrer Ankunft auf einige, fünf Wochen nach dem Abitur, ehemalige Schulkameraden gestoßen. Falls es ein Lonesometown geben sollte, dann entsprach dieses Dorf einer perfekten Vedute.
Es war ungefähr vier Uhr morgens, der Himmel strich das aufgehende Licht in feinste Inkarnatpaste. Nur die wenigsten erlaubten sich, diesen schmackhaften Himmelsspeck zu kosten. Die einsame Wolke war hinfortgezogen. Beide schwebten nun zwischenweltlich, billige Cola aus Serbien schlürfend, auf der Veranda und warteten in einem stehenden Jetzt …
Zuckertrunken und von einer forcierten Schlaflosigkeit erfasst, fragte A.:
„Was, wenn wir es nicht schaffen?“
„Wenn wir was nicht schaffen?“, hakte K. nach.
A. leckte sich den Mund frei vom getrockneten Zucker, die Zähne schmerzten.
„Ich weiß nicht, alles?“
Dabei schüttelte er seine Coladose mit den Fingern auf der Suche nach dem letzten Rest.
Die Morgendämmerung brachte eine kühle Stille mit, die sich sanft auf die beiden bequem machte. Es war der erste Morgen am Meer, wo das Gemüt ruhen sollte, und doch spürten sie mit jeder ewigen Minute ihre jugendliche Leichtigkeit davonschlüpfen.
Nach einer Weile Solitär übernahm sie der Schlaf und sie legten sich hin, während der Tag so unbekümmert wie eh und je seine Stunden vor sich hin pflanzte.
Irgendwann am späten Nachmittag erwachte K. aus einem traumlosen Schlaf. Kurz überkam ihn der Gedanke, wie flüchtig ein Leben war, das für immer schlief. Dann stieg ihm ein vertrauter Geruch in die Nase.
A. war schon etwas früher aufgestanden und briet an der kleinen Küchenzelle Eier und Wurst, die er zuvor aus dem Feriendorf eingekauft hatte. Er bemerkte, wie K. vom Bad zu ihm schlurfte.
„Guten Morgen.“
K. schnaubte amüsiert:
„Wie viel Uhr ist es denn?“
„Kurz nach 5, lang hast du dich erholt! Lust auf Spiegelei?“
K. bejahte und goss sich eine Tasse Filterkaffee ein. Er trat auf die Veranda, und wie es sich für einen jungen Europäer schickte, trank er den Kaffee im blauen Dunst einer Zigarette vor dem ersten Bissen. Er legte die selbstgebrannte CD in den Spieler auf dem Tisch und spulte vor, bis Tim Hardins „How Long“ erklang. Nach einer Weile hatte A. fertig gekocht und gesellte sich zu ihm, auch er fischte eine Marlboro Touch aus der gemeinsamen Packung.
„Und, hast du was Schönes geträumt?“
K. verneinte mit einem leisen Zungenschnalzen:
„Nc.“
„Bei 10 Stunden Schlaf ist deinem Hirn nichts zum Verarbeiten eingefallen?“, A. grinste.
„Vielleicht schon, es ist aber nichts durchgedrungen. Es war wohl zu erschöpft. Und wie sieht es bei dir aus?“
A. hob seine Augenbrauen:
„Ich hab von dir geträumt.“
„Warum vergeudet dein Hirn die Zeit mit mir?“
Beide pusteten lachend den Rauch aus.
Daraufhin redete A. los:
„Naja, es war schon mehr dabei. Ich träumte, dass wir beide auf eine Insel zuschwammen. Wir beide waren wohl reich und hatten alle Zeit der Welt oder vielleicht nur Urlaub, ich weiß nicht. Aber als wir ankamen, erwarteten uns jeweils so prunkvolle Ferienhäuser, mit eigenem Pool sogar! Und jeder von uns hatte eine richtig schöne Frau und Kinder. Aber dann fragte deine Frau bestürzt, wo S. sei, sie war seit dem Morgen verschwunden, und du meintest nur, dass deine Frau mal im Pool nachsehen soll, und da war sie! Ein Fisch, aber der Fisch schwamm auf der Oberfläche und wir alle trauerten ihr nach in einem Feuerritual am Strand. Was zur Hölle soll das bedeuten?“
Er nahm einen letzten, tiefen Zug von der Zigarette und stieß den Rauch fast seufzend aus.
K. überlegte kurz und sagte:
„Wir verbringen ein Drittel unseres Lebens mit dem Träumen, ich glaube, wir sollten die anderen Drittel nicht mit ihrer Deutung belasten. Vielleicht ist alles schon im Unterbewusstsein gedeutet worden und es zeigt sich irgendwann in unserer bewussten Handlung oder so?“
„Ja, vielleicht hast du recht.“
Ei und Wurst waren noch warm und so verschlangen sie drinnen alles zügig. Sie hatten sich unterdessen entschieden, am Strand entlang zu spazieren, also gingen sie mit ihren dünnen Flip Flops einen Trampelpfad hinunter. Der Abend brach langsam an und die meisten schlenderten an ihnen in die entgegengesetzte Richtung vorbei. Nach einer halben Stunde machten die beiden es sich auf dem feinen Sand bequem. Sie lauschten dem Rauschen des Meeres, genossen eine Weile still ihre Zweisamkeit und die blaue Unendlichkeit, ihre Wellen gleißten rötlich im Abendlicht.
Plötzlich vernahmen sie hinter sich weibliches Lachen, das immer lauter wurde. A. zupfte kurz an K.s Shirt und nickte grinsend rüber. Das eine Mädchen hatte leuchtend hellbraunes Haar, das in zwei Zöpfen endete, das andere hatte offenes blondes Haar. Sie beobachteten die beiden, wie sie zum Ufer rannten und sich abkühlten. Ihre weinroten Rüschenbikinis wehten sanft im Wind. Ihre Blicke begegneten sich.
„Ich wusste nicht, dass T. und L. auch hier sind“, bemerkte A., „wollte T. nicht was von dir?“
K. schwieg.
Das Lachen der Mädchen vermischte sich mit den Lauten der Wellen, sie bewarfen sich gegenseitig mit Wasser. A. stand auf und zog sein Shirt aus.
„Was machst du da?“, fragte K.
„Wonach sieht’s denn aus? Na, komm schon!“
K. folgte A., während A. ein lautes „Woo“ von sich gab. Als die beiden ins Wasser liefen, bis die Beine zu schwer wurden, sahen sie, wie die beiden Mädchen sie anlächelten. Mit großen Schwüngen schwammen sie immer weiter hinaus.