Tribolls letzter Brief

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Tribolls letzter Brief

Liebstes Herz,

ein Kind zu machen ist einfach, nämlich eine brownsche Bewegung, bei der eine hohe Samenkonzentration in eine sanftwarme und geriffelte Kavität mit kleiner Samenkonzentration, wenn sie eine Niehoff ist, und mit keiner Samenkonzentration, wenn sie vorgibt, was aber durchaus auch Tatsache sein kann, aus einer gut situierten Familie zu stammen, phoresisch diffundiert. In diesem Sinne, herzlichen Glückwunsch zur Geburt deines kleinen Rackers; die Fleischmütze steht euch beiden sehr gut. Ihr kleinen Pissnecken.

In letzter Zeit werde ich immer untröstlicher. Ich bin wie K., nur keine Kakerlake. Ich bin T., eine Tabascoschildkröte, die am Ufer verschollen auf ihrem Rücken aufwacht und mit allen Vieren wie ein verzweifelter Pavernu der Brotlosigkeit im Varieté verlorener Verrückter, unter verleugnenden Kreisen auch bekannt als Welt, gegen den Tod zappelt. Der Vati des T. schien doch schon immer nur mit seinen Problemen beschäftigt, du kennst ihn doch, er knausert hauptberuflich mit seiner kostbaren Zeit.

Sohnemann T., die Schildkröte, wähnt man an guten Tagen für höchstens phlegmatisch, an schlechten Tagen für indolent und geizhalsig, empathielos und kalt wie die Kotze am nächsten Morgen. Da haben wir es, er ist irgendein Streuner, der sich in die Sicherheit der Einsamkeit verirrt hat, nach Joseph Joachim eben F.A.E., frei, aber einsam.

Das kann nicht sein, dann muss er doch göttlich sein. Gott kann man zwar vielleicht (an seiner Seite) haben, aber die Göttlichkeit nicht, sie erfordert nämlich eine große Menge Weisheit oder verschimmelte Ambrosiashots, denn diese bewilligen die gewaltige Menge an pfiffigen Dünnpfiff und das ist es, was er als Göttlichkeit braucht, nicht als ein an Gottsein sterbender Gaul.

Hast du schon gehört? Herbert, der havarierte Hanswurst, hasst hohle Holzköpfe hat er mir doch gestern gebeichtet. Deshalb kann er bisweilen, jetzt aber öfter, seinen Anblick im Spiegel nicht ertragen.

Ich bekomme zurzeit schlecht Luft, obwohl mich der kalte Februarwind aus allen vier Himmelsrichtungen nonstop beutelt. Bis zum Morgen, wenn die bleierne Bläue die schlechte Luft des vorangegangenen Tages erdrückt und mich mit Reinheit überfallen würde, kann ich leider nicht warten.

Übrigens habe ich erst kürzlich die Abfolge meiner Autoausradierung fertiggestellt; sie wird wie folgt folgen: viel billigen Alkohol aus Mazedonien trinken, dann an die Fensterschwelle treten, das Anthem der Lebensentsager, Szomorú Vasárnap, singen bis der Kehlkopf platzt, den bis zur Synkope emsig antrainierten Carotissinusreflex durch leicht drückende, stark kreisende Bewegungen auf Höhe der Carotisgabel auslösen und schließlich loslassen. Das wird ein Spaß und ich habe eine Katzenfreude, wenn der Tod noch ein Katzensprung entfernt gewesen sein wird.

Cioran behält nach wie vor Recht, Camus ist eine schön verpackte Langeweile. So auch der Absurdismus, so auch das Bedauern. Zwanghaft versuchte man sich noch einen Sinn in der Sinnlosigkeit schönzureden, obwohl längst alle Segel gestrichen wurden. Tausende Seiten loser Kot. Ja, sogar Sartre gab es zu am Sterbebett, bevor ihn der Tod atmete, stellte er sein ganzes Oeuvre in Abrede. Wenn ein Schriftsteller einmal ein lesenswertes Buch geschrieben hat, kann er jeden Bockmist utterieren, der die Uteri jeglicher Literaturagentinnen, Lektorinnen oder Chefredakteurinnen wallend anschwellen lässt. So hat etwa Hemingway aus vier Zeilen Notizen auf einer Serviette im Cafe Keine-Ahnung „The cat in the rain“ fabuliert. In der Geschichte regnets durchgehend (wie du weißt - mag ich dolle), ein verheiratetes Paar schlittert in einem Hotel über die Scherben ihrer Ehe und sonst passiert nichts, außer das Herbeilaufen einer grünen Katze, die mir gehört. Da wird viel hineininterpretiert, warum auch nicht, Hemingway war doch nicht verzweifelt, weil er zweimal vom Himmel gefallen ist und ihm nun nichts mehr eingefallen war. Wenn dieser Ennui kein Verkaufsschlager ist, dann peitscht meinen unrasierten Arsch und nennt mich Janus oder Judy. Beide haben pralle Arschbacken und hinterfotzige Gesichter, die sie bestens zu ihren Gunsten zu nutzen wissen.

Janus spielt nämlich gern Golf mit der Präsidentin Frau Dr. Dr. E. Macarena aus Mama-Alt-Guinea, während er ihre Gehälter veruntreut, Judy hingegen schiebt ihren Unterkörper gerne auf den Lenden des First Mans herum, dem Mann der Präsidentin Frau Dr. Dr. E. Macarena und fragt immer ganz brav und tüttelig, wer der schönste Mann im Lande sei, woraufhin sie mit großer Mühe beteuert, er sei der schönste Mann, obwohl sie sich die wahre Antwort auf der Unterlippe verbiss – na kannst du es erraten? Es ist Janus.

Achtung! Du glaubst nicht, was heute noch passiert ist!

Heute wurde nämlich stadteinwärts vermehrt kontrolliert. Es wurden nachweislich Bücher gelesen, die Lesefrequenz kumulierte allen voran zwischen den Toren der Hölle – dem Hauptbahnhof und der Straße, in der mein psychopathischer Zahnarzt praktiziert. Da dies, das Lesen, heutzutage eine an Delinquenz nicht mehr zu überbietende Straftat von nicht unbedeutender Bedeutung sei, wurden rabiate Politeurschlangen auf uns losgelassen, doch haben sie glücklicherweise ihre Brillen vergessen, deshalb konnten sie uns nicht erwischen. Wir haben ihnen anschließend, als wir die Oberhand gewannen, in einer unbelebten Gasse ihre Schwänze abgehackt und die Reißmäuler mit Sekundenkleber verschlossen. Wir, also ich und das süße, flachshaarige Mädchen mit der roten Bluse, von der ich im letzten Brief schwärmte. Du glaubst nicht, so lebendig fühlte ich mich schon lange nicht mehr, wie schnell die Lebenszeit dahingeht, wenn man ein Idiot ist!

Ich, eigentlich wir, das schöne Flachshaar und ich, haben uns am Ende doch umentschieden, womit mein eigentlicher Plan der Autoausradierung verworfen wurde, denn wir möchten doch gemeinsam nach Westen gehen, uns unsere einvernehmliche, kurzlebige Liebe mit dem von der Welt am meisten benutzten Simulacrum für Hass – dem Schießpulver bekunden, denn unsere Herzen sind wie Keime, die im kalten Norden treiben, vorzugsweise an der nordöstlichen Küste Großbritanniens, wo es viel regnet. Sie treiben und treiben und sie wollen nicht wachsen, wie ungefähr ein dünner Piepel, welcher, ehe er in ein drapiertes Dirndl einfahren muss, sich zum Ammoniten haspelt. Willst du richtig lieben, mein Herz, dann musst du die Veränderung lieben; die Liebe verändert dich unentwegt, und welche Veränderung eignet sich besser als die Geschwindigkeitsveränderung einer Kugel, die nach einer gewissen Zeitveränderung die Gehirnstruktur verändert!

Immerfort sagt mir das schöne Flachshaar auf dem Weg zum kahlen Hügel: die Vögel, sie schilpen so schön ihre Pasquinaden gegen die Windeier, die niemals über ihre Köpfe hinweg hinwegsehen werden. Flöhe in den Haaren anderer zu suchen ist beachtlich peinlich, Samen züchtet man nicht in roten gebrochenen Vasen und die Welt sieht von oben genauso abgerotzt aus wie sie von unten ausgenutzt ist. Und ich mag es riesengroße Rotzknollen aus renitenten Rackern rauszuziehen.

Nun, ich habe zwar keine riesengroßen Rotzknollen, dafür hilflos hypertrophierte Knollen; einen im Herzen, einen im Hirn irgendwo in der Gegend des Mandelkerns und einen in der linken Hodensackhälfte. Dass unser Kind einmal aufs Geratewohl noch hässlicher ausgesehen hätte als sein Vater, ist selbstredend. Es wäre ein in evolutionsbedingter Geilheit zusammengerammeltes Einzelkind, nachdem zuvor zwei Fehlgeburten verzeichnet wurden, das Baby würde den Sinn in dieser Welt verlieren noch bevor es erfährt, dass es nicht ewig an der linken Lieblingszitze nuckeln darf, die Welt sich nicht um ihn dreht und die Mutter nicht die Welt sei. Es hängte an der Nabelschnur noch halb im Totenreich. Es müsste die Borniertheit des zukünftigen Homo Modernoerratus nicht ertragen, ich werde ihr das Atmen und Lechzen oder das Heiserheulen am buckligen Mond ersparen, so wie man es bei mir hätte längst tun sollen, als ich schnaufend, zappelnd und blaublütig an der Atemmaschine orogastrisch intubiert wurde. Es wäre ein gutes Leben gewesen, müsse man nicht auf die Vorstellung der vor Äonen eingerosteten Gehirne und vergilbten Papiere vertrauen. Jeder hat was zu sagen und jeder bringt das Gesagte mit dem irgendwie Gefühlten in Einklang oder versucht es zumindest. Dass dabei nichts Neues rauskommt, weil sie alle dieselben Gedanken denken, aber nur anders verpacken, dürfte augenscheinlich sein, nur wollen es die Misegoisten nicht wahrhaben. Sie hassen sich so sehr, weil sie nichts wert sind, deshalben verkaufen sie ihr Gesagtes im verzweifelten Hochmut über wert und es muss nur eine Handvoll Idioten darauf reinfallen, damit man mit dem Profit einen ruhmvollen Tod sterben kann. Die Käufer wiederrum sind irrende Seefahrer auf Sirenenkurs, für jeden ist schon am Ende der Reise ein Eintopf bereitgestellt, in dem sie schmoren werden. Natürlich darf das Salz nicht fehlen, aber wozu gibt es den existenziellen Angstschweiß?

Er richtet sich selbst hin, der Schandkünstler und Brandbriefverbrenner. Der Knochenesser und Schädelwetzer. Der nimmersatte Rabulist und kontrollsüchtige Trittbrettfahrer.

Ja, du hattest beim letzten Gespräch durchaus recht. Die Einsamkeit verleitet mich zur beflissenen Beobachtung und das, was ich sehe… ist nicht einmal das Papier wert. Wieso? Oya hat mir die Antwort in den Regentropfen chiffriert, als ich draußen verhohlen meine manierierten Masken wusch. Ich als Regentänzer und Nachtschwärmer habe den Code damals schon vor Sonnenaufgang geknackt, bevor mich diese ohrenbetäubende Stummheit der Stadt verrückt machen konnte. Alles ist verloren und es nagt sehr an mir, dass diejenigen, deren Leiden sie sich jeden Tag aufs Neue erzählen und welche jeden Tag in der gleichen Sonne verschmelzen, mittellose, aber vielleicht glückliche Menschen sind.

Heute war ein langer Tag, sodass ich, an der Oase des Abends angekommen, mich fragte, wer hier eigentlich von allen bösen Geistern besucht wurde. Ich bin es nicht gewesen, denn ich habe pedantisch versucht, meine Nägel nicht auf den Boden zu streuen und bin zudem auf keine Brotkrümel getreten. Draußen habe ich leider aus Versehen eine Nacktschneckenseele von ihrem Leibe befreit, aber dafür bin ich nicht mit diesen ekelhaften mörderischen Socken, die ein weiterer Grund waren, den Tadel der Betten über mich ergehen zu lassen, Schlafen gegangen. Somit habe ich heute nicht gesündigt, wenn doch, dann unwissentlich, ich will kein unreiner Geist sein, nicht gerade heute.

Außerdem wollte ich noch sagen, weil mir jetzt das Papier ausgeht, dass ich nicht weiß, ob ein Genozid ein taktischer Fehler im Kampf der Milchstraße gegen die galaktische Obrigkeit sei, denn ein so gewaltiger Gewichtsverlust in Ermangelung des adipösen Egos der Menschheit würde sie schwach und anfällig für extralactiviale Angriffe machen. Naja, wie sagt man so schön, kein Frieden für den einen im Frieden des…

Einen guten Rutsch ins neue Vaterleben wünscht dir dein

an chronischer Todessehnsucht, supraventikulärer Tachykardie und Weltschmerz leidender und in stetige Seklusion strolchender, paroxystischer Pawlowsche Catarrhini,

Triboll.

PS: Ich hasse Menschenansammlungen so sehr. Sie sind unberechenbar und bewegen sich wie in einer Fischhorde, wie Sardinen in einer Büchse aneinandergequetscht.