„Folge der Taube, denn die Taube ist ein idiotischer Savant und weiß, von der vertikalen Ferne zu leben. Nur die Taube kann dir den Weg zur orthogonalen Freiheit offenbaren. Dort, wo ihr weißer Schatten wächst, wartet das Licht und dort, wo das Licht hinfällt, schneiden ihre Flügelschläge die Strahlen in mundgerechte Portionen für den ordinären Mann auf der Erde“, ein erleichternder Rülpser folgte, „U6 verspätet sich, haste ma‘ ‘ne Fluppe?“
Ich reichte ihm meine vorletzte Gauloises Rot.
„Herzlichen Dank“, er drehte sich noch einmal um und verbeugte sich leicht, „und möge die Taube mit dir sein.“ Über der U-Bahn-Station Oranienburger-Tor turteln viele Tauben an diesem stupend warmen Mainachmittag. Nachdem ich mich von dieser Begegnung mit einem sichtlich mittellosen, dennoch flachsenden Clochard erholte, blickte ich zunächst die Straße hinunter und ihm hinterher, dann schweifte der Blick die alten Gebäude hoch. Da waren sie, unsere Dauerkloakenbrenner, unsere früheren Malocher, ohne die wichtige Briefe wohl erst in mehreren Wochenangekommen wären. Ein Pulk graublauer Tauben, vermeintliche Türkentauben starrte in jeweils dieselbe Richtung, ein kollektiver leerer Blick ins mutmaßliche Nirgendwo. So schien es mir zumindest, einem Halbstarken auf dem Boden der Untatsachen. Die Tauben scharen sich zwar auf Balkons oder Dächer, weil die Konkurrenz Überhand gewinnt, von dort oben genießen sie aber einen weiten Blick auf das Leben der Stadt. Sie können in Ruhe Ausschau halten nach Feinden oder Signalen anderer Artgenossen hinsichtlich der Nahrung. Eine Schar von eigentlich allem mutet vielleicht ominös an - und zurecht ist man vorsichtiger, v. a., wenn man Hitchcocks „Birds“ gesehen hat. Anders als die Augen pickende oder Haare reißende Krähen und Möwen im Film gehören Tauben eher zu den zartbeflügelten Himmelsgeschöpfen. Was der Mensch sich besonders abschauen kann, ist ihre dezidierte Geduld. Die Hinterhoftauben bei mir wachen jeden Morgen um ca. 6:30 Uhr auf und scannen mit ihren Schnäbeln den gesamten Hof ab, immer wieder, bis mir die Lust beim Beobachten vergeht, weil ich beim Sitzen, Rauchen und Zusehen! die Geduld verloren habe. Auch der Wohnungsmarkt ist bei Tauben katastrophal. Eine Taubenmutter musste hinter überdachten Mülltonnen ihre kleinen Grenouillen brüten und selbst als ein Rabe alle Kinder stahl, strich sie niemals ihre Flügel und flattere weiter um ihr Leben. Wer keine Fehler macht, der versucht eben nicht.