Müde drückten sich die Leute in die Sitze zurecht, keiner wagte, die spätsommerliche Abendruhe in den Waggons zu stören. Der Zug rollte gleichmäßig und das Licht lag warm auf den Scheiben, schien aber immer verhaltener durch die Gänge. K. suchte im vorbeiziehenden Land nach Halt, obwohl seine Lider mit jedem Schlag träger wurden. Heute war ein Freitag und bis vor Kurzem zerrte es hinter seinen Augen, während Zahlen und Buchstaben über unzählige Dokumente flogen. Ein letztes Mal redete er mit diesen Leuten dort, die ihn nach Feierabend vergaßen, ein letztes Mal schlürfte er Bürokaffee, bis der Hals brannte. Selbst wenn er sich seufzend durch die Mails klickte, die er halb las und ganz beantwortete, kehrte er immer wieder dorthin zurück. Umso mehr sah er dem Heimweg freudig entgegen, auch wenn K. heute vor dem Einstieg zögerte, als hatte jemand nach ihm gerufen. Das ständige Schienenstoßen des Zuges beruhigte ihn, eine Geräuschkulisse, die in ihrer Eigenart gleichzeitig laut und dennoch nicht ohrenbetäubend durch die Waggons drang. Die Rolllaute und das Klacken legten sich im Hintergrund übereinander, bis sie zu einem einzelnen Ton verschmolzen. Dabei liefen seine Erinnerungen still und hastig durch den Kopf wie Szenen eines Stummfilms. Also dachte K. inzwischen an die Kindheit, als er mit einigen Schulkameraden aus dem Heimatdorf heimlich per Zug in die nächste Großstadt fuhr und sprachlos die hohen Glasdecken des Hauptbahnhofs bestaunte – klack, klack, da schob sich schon der erste Kuss einer längst verlorenen Liebe ein. Am Fuße eines Weinbergs standen sie auf einer kleinen Brücke, wo er mitten im Gehölz zaudernd seine Lippen gegen die vollen Lippen eines Mädchens drückte, deren Gesicht er nun kaum mehr vergegenwärtigen wollte. Der Sommernachmittag war damals so warm, wie es ihm jetzt unter den Rippen wurde und das tangerine Haar seiner Jugendliebe gleißte wehend vor ihr glattes Gesicht, ein feiner Hauch von Lavendel lag dazwischen. Die Pupillen wuchsen im Blau ihrer Iris und die Haut spannte sich merklich zu einem Lächeln, diese blasse Haut, die sogar, als man das Mädchen einige Wochen später zwischen den steilen Rebfluren auffand, engelsgleich schimmerte – klack, klack. Der klackende Abstand nahm zu, ein Rucken riss K. zurück in den Zug. Dieser verlangsamte sich nun im Leerlauf, sodass er sanft über die Gleise schwebte, bis er zum Stillstand kam. Aus einigen Sitzen wuchsen langsam Köpfe empor, leicht vom Halbschlaf angetrunken schwangen sie hin und her und musterten die Lage. Ein vorsichtiges Getuschel setzte ein. Die meisten kannten diese Pendlerstrecke wie ihre Westentasche. Auf der Fahrt lagen zehn Haltestellen, wobei die nächste eigentlich noch 17 Minuten entfernt war. Just als die Waggons aus ihrem Schlummer erwachten, durchkreuzte ein metallisches Klicken die Luft, woraufhin ein Schaffner seine Ankündigung über die Lautsprecher nuschelte:
„Liebe Fahrgäste, wir machen hier einen außerplanmäßigen Halt am Bahnhof Westende. Wir wünschen dem Aussteigenden eine schöne Endreise.“
Hatte er richtig hingehört? In der Regel verabschiedete man sich von Aus- und Umsteigenden und wünschte eine angenehme Weiterreise. Da er auf der rechten Fensterseite saß, konnte K. den gesamten Bahnsteig beobachten. Dieser war kurz und verlassen, auch fehlte das übliche Perrondach. Am nördlichen Ende führte ein Aufgang hoch ins Gras. Am Horizont erhob sich ein einsamer Hügel umzingelt von Feldern und dunklen Wäldern. Nach einer Weile stieg ein alter Mann aus. Der graue Mantel und der sandbraune Fedora saßen zu ordentlich für seinen gebeugten Gang, tief hatte die Zeit Furchen in sein Antlitz geschnitten. Müde hinkte er mit dem Gehstock zur Treppe, in der linken Hand hielt er eine dünne Aktentasche, aus der er ein gelbes Stück Papier und einen Füller fischte und wackelig etwas darauf kritzelte. Anschließend stieß er die obere Kante des Papiers mit einem Ruck auf die verrostete Zierspitze eines Zauns daneben. Als der Zug nach einer Weile zischend fortzurollen begann, war der alte Mann schon auf dem Hügel angekommen. Er nahm seinen Hut ab und so machte sich der Wind geschwind an sein dünnes Haar. Widerstandlos ging er durch das Gehölz, dann erstarrte er und seine Habseligkeiten glitten aus den schwachen Händen. Er kniete nieder und legte sie vor das Gesicht. Plötzlich stützte er die Arme auf nichts und schwang sich mühevoll auf. Der Mann neigte seinen Kopf hoch als würde er ein Monument anstaunen. Daraufhin rieb er seine Schuhe auf dem Gras sauber und ging ein paar Schritte vor. Der Zug war schon halb abgefahren, als der alte Mann mit jedem Schritt höher in die Luft stieg. K. presste sein Gesicht an das Fenster und hielt den Atem an. Er blinzelte noch einmal, doch dichte Bäume verbargen schon den Blick auf den Hügel. Der Zug nahm Fahrt auf, das vertraute Klacken setzte ein, aber K. hörte nicht mehr hin. Stattdessen rieb er sich die Augen und sah hinaus, obwohl ihm weiterhin nur dichter Wald begegnete. Niemand im Waggon schien den alten Mann bemerkt zu haben, zwei Reihen vor ihm lachte jemand leise auf, die Abendruhe kehrte allmählich zurück. Beim nächsten Halt stand K. viel zu früh auf, wartete, bis die Türen sich öffneten und kühle Luft gegen sein Gesicht drang. Er trat hinaus auf den Bahnsteig und begab sich eilenden Schrittes zwischen Unbekannten, Koffern und Durchsagen in das belebte Bahnhofsgebäude zum Informationsstand. „Entschuldigung“, sagte er, „wissen Sie, warum der Zug heute in Westende angehalten hat?“
Die Frau hinter dem Schalter sah kurz auf ihren Bildschirm. „Westende?“
„Ja, Westende. Zwischen hier und…“, K. schluckte. „Zwischen hier und dem letzten Halt.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Auf der Strecke gibt es keinen Bahnhof dieses Namens.“
„Aber der Zug hat vorhin dort gehalten, bitte sehen Sie doch nochmal nach!“
Sie runzelte die Stirn und beugte sich vor. Dabei zog sie eine zweite Ansicht auf, eine ältere Streckenkarte öffnete sich. Ihre Hände hielten inne.
„Das ist seltsam, Westende war hier mal verzeichnet, aber dieser Bahnhof ist schon längst stillgelegt, da hält kein Zug mehr.“
K. hörte nur noch halb zu.
„Wann wurde das gestrichen?“
„Einen Moment…“
Als die Frau wieder aufsah, kreuzten sich bloß noch Durchreisende wortlos vor ihrer Kabine. Der sonst so blutarme Bahnhof versank in einen purpurnen Schein. In die Ferne blickend zog K. eine Zigarette aus der Schachtel, strich den Filter von einem Mundwinkel zum anderen feucht und zündete sie an. Nach einem tiefen Zug ließ er den Rauch in seiner Lunge zergehen und blies den Rest mit gleicher Kraft hinaus. Er sah auf die Anzeigetafel, sie glimmte schwach wie die Spitze der Zigarette. Als er den Stummel wegwarf, brummte sein Telefon, jemand hinterließ ihm eine Nachricht: „Wann bist du da? Omi hat die Kinder schon abgeholt. Hab dich lieb.“ Der Zug in die Gegenrichtung war schon eingefahren, die Fahrgäste streiften seine starren Schultern beim Einstieg. Ein Schaffner pfiff Abfahrt und da huschte K. durch die sich schließenden Türen. Sein Sitz knarzte ab und an, 15 Minuten vergingen und er fuhr immer hektischer zwischen Uhr und Fenster. Alsdann spürte er wieder dieses schwebende Abrollen. Eine Schaffnerin kündigte den Abschied an:
„Liebe Fahrgäste, wir machen hier einen außerplanmäßigen Halt am Bahnhof Westende. Wir wünschen dem Aussteigenden eine schöne Endreise.“
Ein metallisches Klicken beendete die Durchsage. Ihre Worte ließen sein Herz schwer pochen. K. spürte, wie ein Kloß in seinem Hals wuchs, er schloss die Augen und atmete tief durch. Ein Rucken setzte ein, der Zug kam quietschend zum Erliegen. K. sprang auf und hastete durch den engen Mittelgang zu den Türen, ein kühler Lufthauch schlug auf das ernste Gesicht. Auf dem Bahnsteig wartete er bis der Zugschluss in den Wald verschwand und das Klacken abklang, bis eine erdrückende Stille durch den Bahnhof zog. Er trat an die Treppenschwelle und zog beim Anblick des gelben Papiers am Zaun die Augenbrauen zusammen:
„Sucht nicht nach mir, ich muss weg. Ihr wisst warum. Adam.“
Vorsichtig stieg K. die Treppe hinauf. Mit jeder Stufe löste sich der Kloß im Hals, als läge etwas Heilsames in der Luft. Oben blieb er wie verwurzelt stehen, denn in dieser blauen Stunde ragte ein Holzhaus vor seinen Füßen auf, das einen breiten Schatten warf. K. sah nicht mehr zurück, stattdessen blickte er hoch zum linken Fenster im oberen Stock. Da fuhr er sich mit beiden Händen über das Gesicht und begann zu schluchzen. Sein Körper bebte. Die Abendsonne brachte ein letztes Licht in das obere Zimmer und erweckte tote Dinge zum Leben. Am Fenster kämmten zarte Hände schillerndes, tangerines Haar.